ALLES MÜLLER ODER WAS
last updated on 14.11.1998 Zurück zur Stories-Übersicht

Alles Müller - oder was?

Der Werbeslogan eines bayerischen Milchverarbeitungsunternehmens, "Alles Müller - oder was?", könnte für ihn getextet worden sein. Nicht nur im Tor der Star Bulls Rosenheim "müllert" es seit Anfang Oktober überraschend oft. Auch in Presse, Funk und Fernsehen ist Robert Müller immer häufiger präsent. Als "German Wunderkind" des Eishockeys wird der 18jährige gefeiert. Mit ihm zwischen den Pfosten begann beim oberbayerischen DEL-Club der Aufschwung, nachdem es zuvor ohne ihn nur Niederlagen setzte.

Plötzlich stand der jüngste eingesetzte DEL-Spieler der Spielzeit 98/99 im Rampenlicht, stellte so renomierte Teamkollegen wie Didi Hegen, Gordi Sherven oder den schwedischen Olympiasieger Christian Due-Boje in den Schatten. Trotz allem Rummel bleibt der "fliegende Robert" gelassen: "Natürlich ist es schön, im Blickpunkt zu stehen. Ich freue mich darüber", sagt der Youngster. Abheben wird er deswegen aber nicht. "Ich muß erst mal weiter gut spielen. Dann kann man weiterschauen", ist sich Müller darüber im klaren, daß der über Nacht erworbene Lorbeer genauso schnell wieder verwelken kann.

Überzeugungsarbeit im eigenen Klub

Zuerst mußte er nämlich im eigenen Verein den Trainer und die Verantwortlichen davon überzeugen, daß er schon jetzt das Zeug zur Nummer eins hat. Erst einige für den Torwart-Lehrling glückliche Fügungen verschafften ihm die Möglichkeit, sein Können in der DEL unter Beweis zu stellen. Zunächst war es die Nervenschwäche und Formschwankung von Stammgoalie Claus Dalpiaz, die ihm zum DEL-Debüt gegen Krefeld (2:5) verhalf. Als der "Lehrling" im folgenden Heimspiel gegen die Kölner Haie durch seine tollen Reflexe die Star Bulls zum ersten Saisonerfolg führte (4:3) und damit seine "Gesellen-Prüfung" bestand, saß bereits der neue Torwart Darrin Madeley auf der Tribüne des Kathrein-Stadions. Der zunächst für einen Monat auf Probe verpflichtete Kanadier durfte dann im folgenden Auswärtsspiel beim niederbayerischen Erzrivalen Landshut das Rosenheimer Gehäuse hüten. Bei der 3:4-Niederlage nach Penalty-Schießen zeigte der Goalie mit NHL-Erfahrung eine ansprechende Leistung. Damit schien Müllers Traum vom Stammplatz fürīs Erste geplatzt zu sein.

Meisterstück mit Shut-Out

Im darauffolgenden Heimspiel gegen die Kassel Huskies meinte es das Schicksal mit dem Jugend-Nationaltorhüter aber erneut gut. Bereits nach zwei Minuten verletzte sich Madeley so schwer an der Schulter, daß er das Eis verlassen mußte. Der für ihn gekommene Müller präsentierte anschließend den heimischen Fans im zweiten Heimspiel mit dem ersten Shutout gleich sein "Meisterstück" und beeindruckte sogar Bundestrainer Hans Zach nachhaltig. Mit dieser Leistung hatte der DEL-Neuling endgültige den Durchbruch geschafft, sich in die Herzen derAnhänger gespielt und seinem Klub in drei Spielen zwei Siege - die beiden einzigen bis dahin - beschert. Auch sein Coach Gerhard Brunner zeigte sich von der Klasse seines jüngsten Spielers angetan: "Ich habe noch keinen Torhüter gesehen, der mit 18 Jahren so weit war."

Stammplatz muß nicht heuer sein

Zu Kopf ist Müller der Ruhm nicht gestiegen. Nach wie vor ist ein Stammplatz in der DEL sein Ziel. "Das muß aber nicht heuer sein. In dieser Saison möchte ich soviele Spiele wie möglich machen", gibt er sich bescheiden. Dies sei zwar schwieriger geworden, seit der Verein mit Madeley einen weiteren Keeper verpflichtet hat. "Aber ich versuche mich mit Leistung durchzubeißen."

Vergangene Saison konnte Robert Müller, der seine Freizeit am liebsten mit der Freundin oder bei Computerspielen verbringt, beim EHC Klostersee Erfahrung sammeln. Der dortige Coach Franz Fritzmeier, der ihn von der Bayern-Auswahl und von DEB-Lehrgängen kannte, hatte den damals 17jährigen zum Süd-Zweitligisten gelotst und schenkte ihm sein Vertrauen. "Er ist einer meiner größten Förderer und ein guter Kumpel", sagt Müller über seinen Ex-Coach, der mittlerweile ein deutsches Nachwuchsteam in Kanada betreut. Wäre Robert nicht ein Jahr zu alt gewesen, hätte er höchstwahrscheinlich die Reise nach Kanada mitgemacht.

Über seine Zeit beim EHC Klostersee meint der heutige DEL-Crack rückblickend: "Es lief dort ganz gut." Das fanden auch die Rosenheimer, die das "Gastspiel" im nahegelegenen Grafing mit Argusaugen verfolgten. Sie holten das Eigengewächs nach einem Jahr in der (Eishockey-)Provinz zurück an die Mangfall. "Bei einem ausländischen Trainer wäre ich sicher nicht so schnell in die DEL gewechselt. Aber Gerhard Brunner hat mir versprochen, daß ich eine reele Chance bekomme", gibt Müller als Grund für die Rückkehr zu seinem Heimatclub an. Ansonsten würde er wahrscheinlich jetzt in Nordamerika in der Junior-Liga A, der OHL oder WHL spielen. Ein Vermittler hatte bereits Kontakte zu einigen Vereinen geknüpft, die auch reges Interesse signalisierten. "Das war ein intensiver Gedanke. Denn als junger Spieler hat man es in Deutschland ohne Namen sehr schwer."

Lernen von Hegen und Sherven

Als er hörte, mit wem er beim SBR zusammen spielen sollte, "hätte es mich fast vom Stuhl gehauen". Für ihn sei es das Größte, mit Spielern wie Didi Hegen oder Gordon Sherven in einem Team zu stehen. "Von denen kann man - auch menschlich - viel lernen." Der 36jährige Hegen, der sein Geld schon vor Roberts Geburt als Eishockeyprofi verdiente, sei jederzeit für Fragen offen. "Ich kann von seiner Erfahrung enorm profitieren."

Profitiert hat er davon vor seinem ersten Einsatz in der höchsten deutschen Spielklasse. "Entgegen meinen eigenen Erwartungen habe ich in Krefeld überhaupt keine Nervosität verspürt." Die Stimmung in der Halle und die Tatsache, einem Spieler wie Thomas Brandl gegenüberzustehen, den er bis dahin nur vom Fernseher her kannte und gegen den er immer schon spielen wollte, nahmen ihm das Premierefieber. Sein kurzes Fazit trotz der 2:5-Niederlage: "Wahnsinn!"

Ein Geschenk mit Folgen

Die Schuld an Roberts Torwart-Karriere trägt sein älterer Bruder Heinz, ein eingefleischter Eishockey-Fan. Mit drei Jahren schenkte er ihm einen Fanghandschuh. Auf dem Speicher über der elterlichen Hausmeisterwohnung des Rosenheimer Finanzamtes wurden dann die ersten Übungseinheiten absolviert, und nachdem ihn sein um 15 Jahre älterer Bruder erstmals mit ins Rosenheimer Eisstadion genommen hatte, war auch die Leidenschaft von Klein-Robert für den schnellsten Mannschaftssport der Welt geweckt. Zwei Jahre später fing er im Nachwuchs des SBR an. Seine Eltern, die bis dahin nichts mit Eishockey am Hut hatten, unterstützten ihren Filius, fuhren ihn regelmäßig zum Training, "legten aber auch immer Wert auf andere Sachen". So schloß Robert die Wirtschaftsschule mit der Mittleren Reife ab. Normalerweise hätte er eine kaufmännische Lehre begonnen, doch weil die Star Bulls auch morgens trainieren, mußte die berufliche Ausbildung vorerst hinten anstehen. "Ich konzentriere mich jetzt erst mal ganz auf Eishockey."

Das Nesthäckchen, das noch immer zuhause bei den Eltern wohnt, könnte als Musterbeispiel für die Nachwuchsförderung im deutschen Eishockey gelten. Über die Bayernauswahl schaffte Müller den Sprung in die Jugend-Nationalmannschaft, für die er mittlerweile in 55 Partien im Tor stand. Seinen größten Erfolg feierte er in Füssen bei der B-WM der U 18. Unter Trainer Erich Kühnhackl schaffte das Team die Rückkehr in die A-Gruppe. Die Einschätzung des DEB-Coaches, der den Auswahltorhüter schon damals als "talentiertesten seiner Altersklasse" titulierte, hat Robert Müller mittlerweile einer breiten Öffentlichkeit eindrucksvoll bestätigt. Und auch die nordamerikanischen Spielerbeobachter sind bereits auf das Talent aus Germany aufmerksam geworden. Wenn es auch noch nicht für den Draft gereicht hat, so tauchte Robert Müllers Name immerhin schon in der Scouting Liste auf. "Ich hoffe, daß ich noch in den Draft komme", hat der Nachwuchsstar diese Thema noch nicht abgehakt: "Natürlich träumt jeder von der NHL."

Trotzdem ist der Newcomer unter den DEL-Torhütern momentan die Ausnahme im deutschen Nachwuchs. Es gibt nur wenige seines Kalibers: "Das liegt daran, daß viele sich nicht quälen wollen, um groß rauszukommen", meint er. Ein weiterer Grund für die Misere sei, daß selbst DEL-Clubs keine höherklassige Juniorenmannschaft zum Spielbetrieb angemeldet haben und viele ehrenamtlich Nachwuchstrainer einfach die Jugendlichen nicht mit sinnvollem Training bei der Stange halten können. In dieser Beziehung hat Robert Müller in Rosenheim großes Glück gehabt.

Topskorer bei der Streethockey-WM

Dank seines gesunden Selbstbewußtseins ist auch die DEB-Auswahl von Hans Zach für ihn ein Thema: "Wenn ich nicht Nationalspieler werden wollte, bräuchte ich überhaupt kein Eishockey zu spielen", sagt er, schränkt aber ein: "Es gibt in Deutschland einige gute Torhüter. Aber wenn ich gute Leistungen bringe, ist alles möglich."

Was ihm als Goalie noch nicht vergönnt war, hat Robert Müller als Feldspieler bereits hinter sich: Die Teilnahme an einer A-Weltmeisterschaft. In seiner zweiten Leidenschaft, dem Streethockey, gehörte er dem deutschen Aufgebot bei der vergangenen WM in der Tschechischen Republik an, avancierte dort zum Top-Skorer seines Teams. Sein Verein, die Wild Boys Rosenheim, stiegen dagegen aus der Bundesliga ab. Trotzdem hängt sein Herz am "Eishockey ohne Schlittschuhen": "Es macht mir unheimlich Spaß. Wenn es mein Vertrag erlaubt, möchte ich unbedingt weiterspielen."

Apropos Vertrag. Der Kontrakt des 18jährigen beim SBR läuft nur ein Jahr. Geht die Entwicklung des Youngsters so rasend weiter, sollten sich die Star Bulls schnell zu einer vorzeitigen Vertragsverlängerung entscheiden. Denn mittlerweile hat sich der Allerweltsname Müller in der Eishockeyszene personalisiert: "Robert Müller - oder was?"

Joachim Mentel

(Abgedruckt in "Eishockey live", 11/98)

Abdruck nur mit Genehmigung des Autors